Wie kann das passieren? Ohne Krankenversicherung in Deutschland

Es ist spät, als Herr R. endlich zum Arzt geht. Eigentlich viel zu spät. Doch die Scham ist groß. Er war ein erfolgreicher Unternehmer mit mehreren Läden auf einer deutschen Ferieninsel. Als die Konkurrenz der Discounter übermächtig wurde, verkaufte er die Läden und legte auf Anraten sein Geld in Aktien an. Mit der Finanzkrise verlor er dann alles: Geld, Wohnung, Auto, Familie. Und dann durch einen Schlaganfall noch seine Gesundheit: Sprachstörung und Halbseitenlähmung waren die Folge. Ins Krankenhaus konnte er aber nicht. Seit Jahren schon konnte er die Beiträge für seine Krankenversicherung nicht mehr bezahlen – eine Krankenhausbehandlung und Rehabilitation waren schon gar nicht bezahlbar. Also musste er das Sprechen allein wieder lernen, ging aber in die Praxis ohne Grenzen und um seinen Blutdruck zu messen, gut möglich, dass da die Ursache für den Schlaganfall lag. Gemessen wurden dramatisch hohe Werte von 230 zu 120 mm Hg. Früher hatte er regelmäßig Medikamente dagegen genommen, jetzt konnte er sie sich nicht mehr leisten. „Praxis ohne Grenzen“ konnte ihn mit Medikamenten versorgen, die aus Spendengeldern bezahlt wurden, auch wenn die Scham groß war, die Leistungen anzunehmen. Aber mehr noch: Mithilfe des Teams konnte Herr R. auch wieder in eine Krankenversicherung gebracht werden und neuer Lebensmut gefunden werden.

Eigentlich ist es ganz normal: Wenn man krank ist, geht man zum Arzt. Sein Portemonnaie kann man dabei gerne zuhause lassen, die Krankenversicherungskarte reicht. Krankenversichert, das ist doch eigentlich jeder, das System der Krankenversicherung wurde in Deutschland bereits zu Bismarcks Zeiten eingeführt. Manch einer ist privat versichert, die meisten gesetzlich. Wer krank ist, dem wird geholfen – oder eben auch nicht, weil die Beiträge über den Kopf wachsen und nicht mehr bezahlt werden können (gerne betragen die Beiträge über tausend Euro und damit weit mehr als die Rente), weil die private Krankenversicherung jemanden herausdrängt und die gesetzliche nicht aufnimmt, oder ein persönliches Drama seinen Lauf nimmt. Und es sind weit mehr als Einzelfälle: Etwa ein Prozent der Deutschen steht ohne Krankenversicherung da. Jede Krankheit kann dann den finanziellen Ruin, da alle Leistungen dann au eigener Tasche gezahlt werden müssen, oder gar den gesundheitlichen: Ohne Geld keine Behandlung, Dr. Denker kann von Fällen berichten, wo der Notarzt nur untersucht hätte, wenn der Patient 100€ gezahlt hätte und so einfach wieder ging.

Der Fall oben zeigt, dass es dabei nicht nur um Menschen ohne Papiere aus dem Ausland oder EU-Bürger ohne Arbeit, sondern es ist die dramatische Gefahr des Mittelstandes, wenn das Projekt Selbstständigkeit scheitert oder einem gekündigt wird – die private Krankenversicherung ist dann schon lange viel zu teuer geworden, ein Wechsel in die gesetzliche schwer bis unmöglich. Doch selbst wenn dieser gelingen sollte, der Mindestbeitrag für die gesetzliche Krankenversicherung ist der Mindestbeitrag der gesetzlichen Krankenversicherung ist dann oft zu hoch, 300€ sind schwer zu zahlen, wenn die Sozialversicherung noch nicht greift.

Mit Dr. Denker und „Praxis ohne Grenzen“ fängt momentan die Zivilgesellschaft die Menschen auf. Ehrenamtlich, ohne Vergütung, mit weit über 70 auch gerne eigentlich schon lange im Ruhestand. Von heute auf morgen kann Dr. Denker nicht aufhören – dafür gibt es noch zu viele Herr Rs in Deutschland. Etwa 800 000 schätzt Herr Dr. Denker. Für manche kommt auch seine Hilfe zu spät.

Die Engländer sagen „Health is better than wealth“, also lieber gesund als reich. Im deutschen Sprachgebrauch gibt es keinen so schönen Reim, wohl aber das Bonmot „ Lieber reich und gesund, als arm und krank.“. Doch wie sieht es eigentlich aus: Was ist eigentlich Gesundheit und hat man die Wahl zwischen Reichtum und Gesundheit oder wenn dann nur beides?

Gesundheit, laut Definition der Weltgesundheitsorganisation ist es der Zustand des vollständigen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. Mit Sicherheit ein hoch ambitioniertes Ziel. Der Soziologe Talcott Parsons sieht Gesundheit hingegen prakmatisch als „funktionale Voraussetzung von Gesellschaft“. Egal ob man es vom Individuum aus oder gesellschaftlich betrachtet: Gesundheit ist wohl so ziemlich das höchste Gut in unserer Gesellschaft. Während es mittlerweile bewiesen ist, dass Reichtum nicht glücklich macht, lohnt es sich, einen Blick auf die Zusammenhänge zwischen Wohlstand und Gesundheit zu werfen.

Wenn die Antwort nicht allzu plump ausfallen soll, muss man etwas tiefer in die Soziologie einsteigen. Längst gibt es in Deutschland keine Stände mehr und auch der Begriff der Klassengesellschaft ist mittlerweile haltlos. Viel eher kann man von diversen Schichten reden, deren Abgrenzung recht schwer fällt. Es müssen da mehrere sozio-ökonomische Merkmale zur Einordnung in der Gesellschaft betrachtet werden, allen voran Bildung, berufliche Stellung / Prestige, sowie monetär Einkommen und Vermögen („meritokratische Triade“). Dabei können die Merkmale durchaus variabel ausgeprägt sein: Reich kann man ohne Doktortitel sein oder der Fließbandarbeiter bei Porsche bekommt allein an Bonus 10000€ im Jahr. Allerdings, auch wenn es nicht ganz einfach ist kann man Bevölkerungsgruppen doch gut anhand genau dieser Merkmale einordnen, von „oben“ nach „unten“. Auch hat sich herausgestellt, dass diese auch ähnliche Lebenschancen und -risiken aufweisen. Das gilt auch für die Gesundheit:

In Glasgow, der größten Stadt Schottlands, variiert die Lebenserwartung allein zwischen den Stadtteilen extrem: Während Männer im Stadtteil Lenzie durchschnittlich 82 Jahre alt werden, erreichen sie im Stadtteil Calton gerade mal ein Durchschnittsalter von 54 Jahren. Es ist wohl kein allzu großes Rätsel, welcher Stadtteil sozial sehr stark ist und welcher strukturschwach.

Doch auch in Deutschland sieht es ähnlich aus. Die Lebenserwartung ist statistisch gesehen klar abhängig vom Einkommen. Wer bis zu 60% des Durchschnittseinkommen verdient, wird etwa 70 Jahre alt, der Durchschnittsverdiener gut 75 Jahre und Menschen, die mehr als 150% des Durchschnittseinkommen bekommen gut 81 Jahre. Grund dafür ist, dass Menschen aus unteren sozialen Schichten häufiger an Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Lungenkrebs und Depressionen erkranken.

Aber wie läuft das eigentlich ab? Wird man krank, weil man arm ist oder wird man durch Krankheit arm? Beides sind anerkannte Theorien, allerdings hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahren gezeigt, dass vor allem der niedrige soziale Status zur Krankheit führt und weniger die Armut krank macht. Menschen mit sozial schwächerem Status haben deutlich höhere Hürden Zugang zum Versorgungssystem zu finden. Beispiel dafür ist die Praxis von Dr. Denker. Zu ihm kommen Patienten, die vorher lange nicht beim Arzt waren. Gescheiterte Geschäftsleute sind tief gefallen, bevor sie bei ihm vorbeikommen, erst gesellschaftlich, dann auch finanziell. Deswegen fallen ihre Krankheiten deutlich schlimmer aus. Doch neben Zugang und Inanspruchnahme des Gesundheitssystems spielen auch andere Faktoren eine Rolle. So sind die psychischen Belastungen deutlich höher, vor allem durch Stress am Arbeitsplatz, aber auch materielle Faktoren wie die Wohnbedingungen haben durchaus Einfluss auf die Gesundheit und auch das Gesundheitsverhalten: Die Ernährung ist meist schlechter und der Anteil der Raucher deutlich höher.

Leider scheint es so, als ob die Deutschen recht haben. Hierzulande sorgt der Wohlstand für eine bessere Gesundheit. Allerdings sind die Gründe vielfältiger Natur. Wenn man einige Hebel in Bewegung setzt, kann man es durchaus schaffen, dass alle Menschen sich, soweit es möglich ist, gesund, gut und produktiv für die Gesellschaft zeigen.

Lennart Diener