Aus der Praxis – warum es einer Budgetberatung bedarf

Im Rahmen des Besuchs von Dr. Uwe Denker von „Praxis ohne Grenzen“ in Kröppelshagen stellte die Budgetberaterin Cornelia Steinert ihre langjährige Arbeit vor. Über 17 Jahre lang baute sie ihr Projekt zur präventiven Beratung in Finanzfragen auf und hat dabei vielfältige Einblicke in die Schicksale vieler Menschen und das deutsche Sozialsystem gewonnen. So kann Cornelia Steinert viel berichten und macht deutlich, welche Aufgaben die Politik noch vor sich hat.

Ziel von Cornelia Steinert ist es eigentlich, präventiv zu Budget und Schulden zu beraten. Sie hebt hervor, dass die Menschen zu ihren eigenen Experten über Finanzen werden müssen, sei es um mit dem Existenzminimum auszukommen, oder aber um es zu vermeiden in eine Schulden- und Abwärtsspirale zu gelangen. Offene Rechnungen, Kontopfändungen, Stromsperren und vieles mehr stehen bei der täglichen Arbeit auf der Tagesordnung. Es gilt, einen genauen Blick auf die Finanzen zu werfen: Welches Geld kommt rein, werden alle Sozialleistungen in Anspruch genommen? Sind die Ausgaben im Lot? Verständnisvoll werden Quittungen, Kontoauszüge und Pfändungen sortiert. Was ist rechtens, wo lässt sich was schrauben? Meist kommen die Klienten spät – Frau Steinert hat versucht, das zu ändern und eine Budgetberatung zu etablieren, zu der Menschen auch kommen, bevor es fünf vor, oder gar fünf nach zwölf steht. Allerdings sieht sie Deutschland, was finanzielle Bildung und Prävention anbelangt, als Entwicklungsland. Länder wie die Schweiz sind hier deutlich weiter, während in Deutschland die Budgetberatung noch immer kein anerkannter Beruf ist und sie ihre Arbeit ausschließlich aus Spendengelder finanziert – mangelhaft sei auch die finanzielle Bildung in der Schule. Junge Erwachsende werden plötzlich in die weite Welt der Finanzen geworfen, ohne Grundwissen und ohne jegliches Gefühl dafür.

Eine junge Psychologin berichtet: „… Zu der Zeit hatte ich bereits Jahre lang einen Berg an Studienschulden, der mir immer wieder schlaflose Nächte bereitet hat. Aber zur Schuldnerberatung gehen? Immer wieder dachte ich darüber nach, befand dann aber, dass es „ noch nicht schlimm genug“ war und habe mich letztlich doch auch immer zu sehr geschämt.Ohne die Hilfe der Budgetberatung, da bin ich mir sicher, hätte ich mich immer weiter verschuldet und wäre trotz guter Ausbildung und einem guten Gehalt sehr bald in eine finanziell wirklich verfahrene Situation geraten. Ich habe erkannt, dass ich nicht gut darin bin mit Geld umzugehen. Ein gutes halbes Jahr nach der Beratung treffe ich bereits deutlich bessere Entscheidungen, weiß aber auch, dass ich weiter an mir arbeiten muss. Ich habe nie gelernt wie ich mir eine solide finanzielle Basis schaffen kann.“

Mit Blick auf die Politik fordert Frau Steinert, dass allen Menschen in Deutschland ein Existenzminimum zur Verfügung gestellt wird – 40% der Berechtigten nehmen gegenwärtig keine Leistungen in Anspruch, obwohl sie diese bitter nötig hätten – welches tatsächlich den reellen Bedarf abdeckt. Außerdem finanzielle Bildung für alle. Bei den Kleinen in der Schule angefangen, aber auch eine anerkannte Budgetberatung für Menschen in allen Lebenslagen, ein Angebot, was man bei Berufswechsel, neuem Gehalt oder neuem Lebensabschnitt in Anspruch nehmen kann. Eben das, wo Steinert als Pionierin in Deutschland voranging, aber viel zu oft auf verschlossene Türen stößt.

Lennart Diener